Geschichte der Novemberpogrome

Text von AK Gedenkspaziergang

Am 9. November 1938 ergingen von der Zentrale des Sicherheitsdienstes in Berlin an alle Gestapoleitstellen und SD-Ober- und Unterabschnitte Blitztelegramme, die genaue Anweisungen über „Maßnahmen gegen die Juden in der heutigen Nacht“ enthielten. Am 10.11.1938 um 4 Uhr morgens bekamen die Polizeiämter, so auch das Polizeiamt Döbling, den Auftrag, Juden zu verhaften, sowie Wohnungen und Geschäfte von Jüdinnen und Juden zu beschlagnahmen. Zur selben Zeit erhielten die Einheiten der Allgemeinen SS und die SS-Verfügungstruppe den Befehl, in Synagogen und Bethäuser einzudringen und diese zu zerstören.

Das Pogrom am 9. und am 10.November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung und ihre Einrichtungen war weder spontan noch auf diese Tage beschränkt. Die antisemitischen Ausschreitungen und „Arisierungen“ beschränkten sich auch nicht auf einzelne Bezirke, sondern betrafen die ganze Stadt und das ganze Land. Das
Novemberpogrom wurde von den Parteistellen angeordnet, von SA-Verbänden, SS-Trupps und HJ-Gruppen durchgeführt und von dem Großteil der Bevölkerung tatkräftig vorangetrieben. So berichtet der Führer des SD-Unterabschnitts Wien über das Novemberpogrom: „Mitleid mit dem Los der Juden wurde fast nirgends laut und wo sich ein solches dennoch schüchtern an die Oberfläche wagte, wurde diesem von der Menge sofort energisch entgegengetreten, einige allzu große Judenfreunde wurden festgenommen.“

Während des Novemberpogroms, wurden in Wien mindestens 27 jüdische Männer ermordet, es gab 88 Schwerverletzte, dutzende Selbstmorde, mehr als 6.500 Festnahmen. 3.700 verhaftete Juden wurden direkt in das Konzentrationslager Dachau transportiert. 4.000 Geschäfte wurden geplündert und zerstört, 2.000 Wohnungen geraubt – im NS-Jargon „arisiert“. Im gesamten „Reichsgebiet“ wurden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 etwa 1.400 Synagogen zerstört. In Wien geschah dies mit besonderer Intensität: 42 Synagogen und Bethäuser wurden in Brand gesetzt.

Am 10. November 1938 wüteten Nationalsozialist_innen in Wien. Sie zertrümmerten die Auslagescheiben der jüdischen Geschäfte und plünderten Lokale. Zahlreiche Wohnungen und Häuser wurden in diesen Novembertagen arisiert. Polizeitrupps und SS-Männer zogen durch die Straßen Wiens, drangen in Häuser und Wohnungen ein und verhafteten Juden und Jüdinnen. Einige der Verhafteten wurden später in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Nach dem Novemberpogrom wurde der jüdischen Bevölkerung endgültig die Existenzgrundlage entzogen und der Prozess der Diskriminierung, Enteignung und Vertreibung wurde systematisch fortgeführt. Die nächsten Schritte der antisemitischen Politik waren auf Ghettoisierung, Deportation und letztlich die Vernichtung von Jüdinnen und Juden gerichtet. Gab es nach früheren Pogromen immer noch Zufluchtsstätten, so waren die Jüdinnen und Juden Wiens nach den flächendeckenden Zerstörungen und „Arisierungen“ des Novemberpogroms ihrer Schutzräume beraubt.

Es gab auch noch Tage danach.

Wo am 9. November noch Synagogen und Bethäuser standen, waren in den Tagen darauf nur noch verkohlte Brandruinen. Wo es noch Geschäfte und Lokale gab, lagen nur noch Scherben – die Scherben, nach denen die Nazis den Tag höhnisch „Reichskristallnacht“ nannten und deren Beseitigung einen neuen Anlass für Demütigungen und Gewalt bot. Wo am 9. November Angst herrschte, war in den Tagen danach nur noch Verzweiflung. Zehntausende Jüdinnen und Juden wussten nicht, was mit ihren Freund_innen, Verwandten und Nachbar_innen geschehen war.

Wo am 9. November noch Verzweiflung war, da war in den Tagen danach nichts mehr – 27 Morde hatten SA und SS unter Beifallsklatschen von Nachbar_innen und
Bürger_innen begangen. Und die Angst brachte Dutzende dazu, sich umzubringen. Der 9. November war der „Höhepunkt“ von Pogromen und sogenannten „wilden
Arisierungen“, die es in Österreich seit dem „Anschluss an das 3. Reich“ tagtäglich gab, aber er war nicht das Ende. Es dauerte noch fast sieben Jahre, bis den Nazis Einhalt geboten wurde.

 

Video: Richard Schön über die Ermordung seines Bruders in Wien

Richard Schoen from erinnern.at on Vimeo.

Richard Schoen, geb. 1914 in Groß-Siegharts, gest. 2013 in Pompton Plains (New Jersey, USA) wird 1938 im KZ Dachau interniert. Nach der Entlassung flieht er nach England, später in die USA. Seine Eltern und Geschwister werden von den Nazis ermordet.

 

Video: Inge Guttmann erinnert sich an das Novemberpogrom in Wien

Inge Guttmann Ausschnitt from erinnern.at on Vimeo.

Ingeborg Guttmann – geb. 1930 in Wien, kann mit ihren Eltern nach Shanghai fliehen. 1947 kehrt die Familie nach Österreich zurück.

 

Bericht von Ersnst Benedikt über seine Erlebnisse vom November 1938 in Wien

http://www.doew.at/cms/download/dlmit/4505_manus_benedikt_komm.pdf

Ernst Benedikt, ehemaliger Eigentümer und Chefredakteur der „Presse“ (damals „Neue Freie Presse“), schreibt darüber, wie er am 10. November festgenommen und tagelang mit Nahrungsentzug und „Leibesübungen“ gequält wurde. Text im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstand