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Israelitische Kultusgemeinde Wien

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Als Kaiser Franz Josef 1849 Honoratioren der Jüdischen Gemeinde als Vertreter der Kultusgemeinde angesprochen hatte, war dies der Auftakt für eine Reihe weiterer Schritte zur endgültigen Anerkennung der Israelitischen Kultusgemeinde als Vertretung der Juden Wiens und Österreichs.

Ehe es zu diesem denkwürdigen Ereignis gekommen war, hatten die Juden in der damaligen Monarchie bereits eine Reihe bitterer Erfahrungen hinter sich. Die erste große Vertreibung 1420/21, die zweite Vertreibung 1670, waren wohl die größten Zäsuren. Unter schwierigsten Bedingungen geduldet, in der Öffentlichkeit angefeindet und nicht anerkannt, lebten die Juden in Wien und in der Monarchie. Unter dem Eindruck der Aufklärung erließ Kaiser Joseph II. sein Toleranzedikt, das den Weg zur Emanzipation der Juden eröffnete. Erstmals wurden ihnen bestimmte bürgerliche Rechte zugestanden und diskriminierende Bestimmungen aufgehoben. Weiterhin verboten blieb allerdings die Bildung einer Gemeinde und das öffentliche Abhalten von Gottesdiensten.

 

1824 wurde auf Fürsprache von Michael Lazar Biedermann Rabbiner Isak Noa Mannheimer als Prediger nach Wien geholt. Da es offiziell keine Gemeinde gab, wurde er als “Direktor der Wiener kaiserlich-königlich genehmigten öffentlichen israelitischen Religionsschule” angestellt.

1828 wurde Rabbiner Lazar Horowitz, ein Schüler des Chassam Sofer aus Pressburg, von Isaak Löw Hofmann (ab 1835 „Edler von Hofmannsthal“), dem Vorsteher der Jüdischen Gemeinde eingeladen, als Oberrabbiner nach Wien zu kommen. Da zu dieser Zeit die Gemeinde keine behördliche Anerkennung genoss, musste er jedoch zunächst den Titel „Ritualienaufseher“ annehmen. Er befolgte strikte Grundsätze in Fragen zur Kaschrut und anderen Bereichen der Halacha, bemühte sich jedoch stets um einen Ausgleich der unterschiedlichen Strömungen innerhalb der jüdischen Gemeinde. Er genoss grossen Respekt und Ansehen unter allen Gruppierungen innerhalb der jüdischen Gemeinder Wiens, einschliesslich der sefardischen Juden. Zusammen mit Prediger Isaak Mannheimer beteiligte er sich an der Kampagne zur Aufhebung des Judeneids („more judaico“) sowie an der Revolution von 1848. Horowitz war ein Günstling der Erzherzogin Maria Dorothea, die ein Interesse an hebräischer Literatur pflegte und an die Rückkehr der Juden ins Heilige Land glaubte. Auf sein Bitten hin machte sie 1851 die angeordnete Ausweisung von Hunderten jüdischer Familien aus Wien rückgängig.

Am 12. Dezember 1825 erfolgt die Grundsteinlegung des Wiener Stadttempels durch Mannheimer, und am 9. April 1826 wurde die Synagoge in der Seitenstettengasse 4 von ihm eingeweiht. Die Synagoge wurde nach den Planen von Josef Kornhäusel errichtet und den damaligen Bauvorschriften folgend in ein Wohnhaus integriert – ein Umstand, der die Zerstörung im November 1938 verhinderte. Damit gelang es den Wiener Juden erstmals seit der Vertreibung von 1670, wieder ein geistiges und religiöses Zentrum zu errichten, das Synagoge, Schule und rituelles Bad vereinigte. 1826 wird auch Salomon Sulzer an den neuen Wiener Stadttempel berufen, wo er 56 Jahre lang das Amt des Oberkantors innehat.

 

Die bürgerliche Revolution von 1848 war für viele jüdische Intellektuelle der willkommene Anlaß, sich im Rahmen der revolutionären Bewegung für die Emanzipation der Juden zu engagieren. Im Gefolge dieser Ereignisse kam es dann 1849 zu jener denkwürdigen Begegnung mit dem jungen Kaiser. Es dauerte drei weitere Jahre, bis 1852 die “provisorischen Statuten” der Wiener Gemeinde genehmigt werden. Damit gewinnt die Gemeinde ihre dauernde Autonomie zur Regelung ihrer inneren Angelegenheiten und in Kultusfragen. Erster Präsident (bis 1863) war Leopold von Wertheimstein. 1856 wird Adolf Jelinek als zweiter Prediger neben Mannheimer nach Wien berufen. 1858 erfolgt die Einweihung des Leopoldstädter Tempels, der nach Plänen von Ludwig Förster erbaut wurde.

1867 wurden durch das Staatsgrundgesetz die Juden erstmals in ihrer Geschichte in Österreich als gleichberechtigte Staatsbürger anerkannt. Die Jüdische Gemeinde wuchs als Folge dieser Entwicklungen sehr rasch: Registrierte die Kultusgemeinde in Wien 1860 6.200 jüdische Einwohner, so waren es 1870 bereits 40.200 und zur Jahrhundertwende 147.000, die neue Chancen in der Reichshaupt- und Residenzstadt suchten.

1872 kommt es nach Annahme einer Reform des Kultus durch liberal fortschrittliche Kräfte unter der Führung Ignaz Kurandas zum “Kultusstreit”. Die Orthodoxen unter der Führung des Rabbiners Salomon Spitzer wollen aus der Gemeinde ausscheiden. Durch einen Kompromiß kann die Spaltung der Gemeinde verhindert werden. Im gleichen Jahr wird ein herausragendes Beispiel jüdischen Philantropentums in Wien eröffnet: Das Rothschildspital. 1886 erfolgt die Gründung der “Österreichisch-Israelitischen Union” durch Rabbiner Bloch, die sich zum Ziel gesetzt hat, die politischen Rechte der Juden zu verteidigen, das jüdische Bildungswesen zu verbessern und den Stolz der Juden auf ihre eigene Identität zu fördern.

1890 stellt das “Israelitengesetz” das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage.

1918 wird Zwi Perez Chajes Oberrabbiner. Er ist ein Vertreter des Nationaljudentums, steht aber trotz seiner säkularen Bildung dem Ostjudentum nahe. Chajes ist auch Gründer des ersten jüdischen Gymnasiums und des jüdischen Pädagogiums in Wien. Als Würdigung seiner Leistungen wurde das 1984 wiedereröffnete jüdische Gymnasium nach ihm benannt.
In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen häuften sich nach einem Jahrhundert jüdischer Emanzipationsbemühungen die von Nationalsozialisten organisierten antisemitischen Ausschreitungen. Sofort nach dem ‘Anschluss’ entlud sich grausamster Antisemitismus: Juden wurden schikaniert, man trieb sie durch Wien, plünderte ihre Wohnungen und Geschäfte.

Einen Höhepunkt erreichten diese Ausschreitungen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938: Als Ausbruch des “spontanen Volkszorns gegen die Juden” von den Nationalsozialisten inszeniert, wurden in dieser Nacht alle Wiener Synagogen und Bethäuser vernichtet – einzig der Stadttempel wurde nicht vollständig zerstört, da er sich in einem Wohnhaus befindet. Ein großer Teil der jüdischen Geschäfte wurde geplündert und dann geschlossen, über 6.000 Juden wurden in dieser Nacht verhaftet und zum Großteil in den folgenden Tagen ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Die Nürnberger Gesetze hatten ab Mai 1938 auch in Österreich Geltung, verschärft durch eine Vielzahl antijüdischer Verordnungen. Diese führten Schritt für Schritt zur vollständigen Beraubung der Freiheitsrechte und des persönlichen Vermögens, zur Ausschaltung aus nahezu allen Berufszweigen, zum Ausschluss von Schulen und Universitäten und später zur sichtbaren Diskriminierung durch das erzwungene Tragen des Judensterns.

Die jüdischen Organisationen und Institutionen wurden zwangsweise aufgelöst, ihr Vermögen entzogen. Mit der Errichtung der nationalsozialistischen „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ im Sommer 1938 wurde die forcierte Massenvertreibung in einen organisatorischen Rahmen gestellt. Unter Zurücklassung ihres gesamten unbeweglichen und beweglichen Vermögens, vielfach auch mit finanzieller Hilfe internationaler jüdischer Organisationen und organisatorischer Unterstützung der Kultusgemeinde, gelang bis Oktober 1941 mehr als 130.000 Juden und Jüdinnen die Flucht. Von diesen werden allerdings später rund 16.000 in anderen europäischen Ländern wieder von den Verfolgern eingeholt und deportiert. Auf der Wannseekonferenz im Jänner 1942 werden die Grundzüge für die Organisation und Koordination der bereits zuvor beschlossenen vollständigen Vernichtung der Juden festgelegt. Bei Abschluss der Massendeportationen aus Wien, im Oktober 1942, haben die nationalsozialistischen Machthaber bereits mehr als 47.000 Juden in Ghettos, Vernichtungslager und andere Vernichtungsstätten deportiert, bis 1945 folgen weitere Deportationen. Insgesamt fallen der Shoa über 65.500 Juden aus Österreich zum Opfer. In Österreich überlebten nur rund 5.500 Juden, großteils in so genannten „Mischehen“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, ehe man sich Österreich zu einer klaren Position über den Anteil der Schuld des Landes an den Greueln des Dritten Reichs durchdringen kann. Kaum jemand findet es der Mühe wert, die “Emigranten” zur Rückkehr in ihre Heimatstadt einzuladen. Erst in den 1980er Jahren setzt langsam ein Umdenken ein, das den historischen Faktizitäten Rechnung trägt und zur Stellungnahme der österreichischen Bundesregierung im Juli 1991 führt, als Bundeskanzler Vranitzky vor dem Parlament erstmals ausdrücklich auf die Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen des Dritten Reichs eingeht.

Unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen hat es die Kultusgemeinde nicht einfach, ein Gemeindeleben neu aufzubauen: Die Mehrheit der von den Nazis vertriebenen Juden will nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in ihre alte Heimat zurückkehren und die Wiener Jüdische Gemeinde bleibt klein: Zählte sie vor 1938 noch über 185.000 Mitglieder, so sind Ende der 1990er Jahre wenig mehr als 7.000 bei der Kultusgemeinde als Mitglieder registriert. Viele sind erst in den letzten Jahrzehnten als Flüchtlinge nach Wien gekommen und haben hier ein neues Leben begonnen.

Sichtbare Lebenszeichen der kleinen, aber sehr vitalen jüdischen Gemeinde Wiens sind neben dem Wiener Stadttempel, der 1963 nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder eröffnet werden konnte, das 1972 errichtete “Sanatorium Maimonides-Zentrum” in der Bauernfeldgasse, die im September 1984 wiedereröffnete “Zwi-Perez-Chajes-Schule”, die 1986 von der Ronald S. Lauder-Stiftung geförderte “Beth-Chabad-Schule” sowie weitere Schul- und Bildungseinrichtungen, die vor allem im letzten Jahrzehnt errichtet wurden.

In der Tempelgasse, wo bis 1938 der Leopoldstädter Tempel gestanden ist, gibt es ein neues jüdisches Zentrum, in dem unter anderem auch das psycho-soziale Betreuungszentrum von ESRA untergebracht ist. Und 500 Jahre nach der ersten Gründung, rund 60 Jahre nach der Vernichtung gibt es auch wieder eine Sefardische Gemeinde in Wien, die sich im Mai 1992 im 2. Bezirk mit einer Synagoge, und Veranstaltungsräumen etabliert hat.

 

War 1863 Leopold von Wertheimstein der erste Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), so prägten in der jüngeren Vergangenheit die Präsidenten Dr. Ivan Hacker, Paul Grosz und Dr. Ariel Muzicant den Weg der IKG.
HR Dr. Hacker und HR Grosz gelten als Repräsentanten des Schicksals der Wiener Juden. Sie führten zwischen 1982 und 1998 die Geschicke der IKG und kämpften für den Abbau von Intoleranz und antisemitischen Vorurteilen sowie für die Verbesserung der Beziehungen mit der nichtjüdischen Öffentlichkeit und mit anderen Religionsgemeinschaften.

Sein Nachfolger Dr. Ariel Muzicant, ist der erste Präsident der IKG, der nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Er steht für die Fortsetzung des Kurses seines Vorgängers. Einer seiner Erfolge war die Anregung für die Einrichtung der Historikerkommission. 2012 folgte der langjährige Vizepräsident Oskar Deutsch Dr. Muzicant als Präsident nach.

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